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Warum spielt Essen eine so wichtige Rolle?

27. August 2018 / France Santi
Unsere Beziehung zum Essen ist tief und kompliziert. Weshalb? Wir zeigen 5 spannende Aspekte des Essens, die Sie auch ins Ernährungsprogramm Ihrer Institution einfliessen lassen können.

Essen spielt in unserem privaten wie beruflichen Alltag eine zentrale Rolle. Doch was genau macht das Essen für uns so bedeutsam? Weshalb fällt es manchmal schwer, die Balance zu finden? Oder Gewohnheiten zu verändern? Eine Erklärung in 5 Punkten mit Unterstützung von Kilien Stengel von der Universität Tours (F) und von Muriel Jaquet von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung.

 

1. Baustoff

«Gutes Essen verbindet. Beim Essen versorgen wir Körper und Geist mit Nahrung und erfüllen alle unsere Bedürfnisse», erklärt Kilien Stengel mit Verweis auf die Maslowsche Bedürfnispyramide. Diese ordnet die menschlichen Bedürfnisse in fünf Hierarchieebenen ein: physiologische Bedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse, soziale Bedürfnisse, Individualbedürfnisse und Selbstverwirklichung.

 

2. Identität

Unsere Ernährung spricht Bände, handelt es sich doch um ein Element der sozialen und kulturellen Abgrenzung. Wie wir uns ernähren, offenbart einen Teil unserer Identität. «Wenn Sie für Gäste kochen, bringen Sie dabei Ihre eigene Identität ein: Sie überlegen, woran Sie selbst Freude haben, was Ihren Gästen wohl schmeckt und was Ihre Kochkünste zulassen. Sie tun dies in der Hoffnung, Anerkennung zu bekommen, und auf das Risiko hin, einen Misserfolg zu landen», sagt Kilian Stengel.

 

3. Belohnung

Essen kann ein Mittel zur Beruhigung darstellen, was aus unserer frühesten Kindheit herrührt: Wenn ein Baby Hunger hat, weint es. Bekommt es etwas zu essen, beruhigt es sich. Es gibt jedoch auch andere – stärker psychologisch geprägte – Erklärungen, warum uns bestimmte Lebensmittel aufmuntern. Zum Beispiel unsere Erziehung: «Wenn wir in der Kindheit mit bestimmten Lebensmitteln belohnt oder getröstet oder auch durch deren Entzug bestraft wurden, kann es sein, dass wir diese auch im späteren Leben noch als Belohnung oder Trost wahrnehmen», so Muriel Jaquet.
Essen kann auch schädlich sein. Zum Beispiel, wenn man zu viel zu sich nimmt. Stress, Zeitnot und Erschöpfung bringen unser Sättigungsgefühl aus dem Gleichgewicht. Wir ernähren uns unausgewogen. Langfristig erhöht dies das Krankheitsrisiko. Auch beim Einkaufen ist Vorsicht geboten: Viele Produkte, die wir in den Regalen der Supermärkte finden, enthalten zu viel Fett, Zucker oder Salz.

 

4. Chemisches Zusammenspiel

Die Ernährung ist nicht nur für einen gesunden Körper wichtig, sondern auch für unseren Geist. «Allgemein kann man sagen, dass ein Zusammenhang zwischen unserer Ernährung und unserer Gehirnleistung besteht», erklärt Muriel Jaquet. So gibt es Lebensmittel wie beispielsweise Kaffee, die das Zentralnervensystem stimulieren. Andere beeinflussen die Produktion bestimmter Neurotransmitter (chemische Substanzen, die als Botenstoffe unseres Gehirns wirken). Zucker zum Beispiel fördert die Bildung von Serotonin, einem Botenstoff mit beruhigender Wirkung. Neben einer guten Ernährung tragen aber auch noch andere Dinge zu unserem Wohlbefinden bei: Sport, Lesen, Meditation usw.

 

5. Soziale Momente

Essen ist eine zutiefst soziale Angelegenheit. Bei einer Mahlzeit in der Familie oder Gemeinschaft ist das Essen an sich eher zweitrangig. Es bietet nur den Rahmen für das Beisammensein. Was zählt, ist, dass alle zusammenkommen, um zu teilen und sich auszutauschen (was in der einen oder anderen Familie oder Gemeinschaft auch tatsächlich der Fall ist). Gleichzeitig bieten gemeinsame Mahlzeiten die Gelegenheit, von den Älteren und Anderen zu lernen. Über alle Völker hinweg ist das Essen von familiärer, sozialer, politischer und wirtschaftlicher Bedeutung. Essen in Gesellschaft schafft Bindungen: «Man muss sich mit den anderen arrangieren, damit, wie und was sie essen. Das kann bei einigen Personen tatsächlich Unbehagen auslösen», so Kilien Stengel.

 

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©Image: 123RF/Erfan Nuriiev

Kommentare

  • Von Maya Da Pozzo / 31. August 2018

    Ein toller Beitrag, der sich anbietet, die Themen in der Institution einzubringen, z. B. in der Bezugspersonenarbeit, im Bereich Ernährung/Küche und Kommunikation mit den Klientinnen und Klienten. Und er eignet sich, zu reflektieren, über Prägungen nachzudenken und nebst einem bewussten Umgang mit Ernährung, Einkauf und Essverhalten - den Stellenwert von Genuss, Freude und Gemeinschaft bewusst zu pflegen. Danke.

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