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Teilhabe | Und jetzt mal ordentlich Theater machen!

23. Juli 2019 / Johannes Schmuck
Kulturelle Teilhabe ist eine zentrale Forderung der UN-BRK und meint mehr als die blosse Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen. Johannes Schmuck, Organisationsberater und Sozialpädagoge, zeigt, wie Fachpersonen die kulturelle Teilhabe stärken und innere Barrieren überwinden können. Und wie die Institutionen sie dabei am besten unterstützen.

Spätestens mit der UN-BRK ist die kulturelle Teilhabe auch in den Fokus der Institutionen gerückt. Teilhabe meint mehr als nur Teilnahme: Artikel 30 der UN-BRK weist ausdrücklich auf die Aufgabe hin, Menschen mit Beeinträchtigung die Möglichkeit zu geben, «ihr kreatives, künstlerisches und intellektuelles Potenzial zu entfalten und zu nutzen, nicht nur für sich selbst, sondern auch zur Bereicherung der Gesellschaft.» Entscheidend ist die Formulierung «auch zur Bereicherung der Gesellschaft».

"Teilhabe meint mehr als nur Teilnahme."

Das bedeutet zum Beispiel:

  • Kulturelle Produktionen finden nicht abgeschottet und nur in und für Ateliers statt.
  • Die Gesellschaft diskreditiert Beiträge von Menschen mit Beeinträchtigung nicht von vornherein als nutz- und wertlos.
  • Menschen mit Beeinträchtigung haben den Anspruch, dass ihre Beiträge nicht nur für sie selber einen Gewinn bedeuten.

Nur teilnehmen oder richtig partizipieren?

Es gibt verschiedene Grade kultureller Teilhabe. Sie beginnt mit einem rein rezeptiven Zuschauen («Spectating») und steigert sich dann über «Learning» (lernen), «Involving» (einbezogen werden), «Enabling» (ermächtigt werden) hin zur eigenen kreativ-künstlerischen Praxis («Inventing»). Die Begriffe stammen aus dem Positionspapier der Arbeitsgruppe Kulturelle Teilhabe des Nationalen Kulturdialogs.

"Eine gelingende kulturelle Teilhabe stärkt die Vielfalt des kulturellen Ausdrucks in der Schweiz."

Kulturell teilhaben können Menschen in Theatern, Museen, Bibliotheken oder online. Kulturell produktiv sind sie beispielsweise in Chören, Theaterstücken, Bands oder digitalen Produktionen.

Eine gelingende kulturelle Teilhabe ermöglicht es, sich mit der eigenen kulturellen Identität und mit kulturellen Prägungen auseinanderzusetzen. Und sie stärkt die Vielfalt des kulturellen Ausdrucks in der Schweiz. Kulturelle Teilhabe soll deshalb möglichst partizipativ sein und nicht nur rezeptiv.

Wie stärken Fachpersonen die kulturelle Teilhabe?

  • Sie bauen auf Fähigkeiten und Beiträge von Menschen mit Beeinträchtigung in allen Lebensbereichen auf.
  • Sie richten sich am kreativen, künstlerischen und intellektuellen Potential der Menschen mit Beeinträchtigung und an dessen Stärkung aus.
  • Sie kennen unterstützende Technologien und Techniken.
  • Sie verstehen sich nicht als Schlüsselperson oder emotionalen Hafen, sondern als Begleitung und Assistenz beim Arrangement gelingenden Lebens.
  • Sie haben den Mut, vorgebahnte Spuren zu verlassen und absehbare Risiken einzugehen, und begreifen die ganze Breite und hohe Dynamik der kulturellen Vielfalt.
  • Sie agieren kulturvermittelnd, kulturinvolvierend und kulturermächtigend.

Beispiel Theater: Wie verbessern Fachpersonen dort die Teilhabe?

  • Sie ermöglichen den Besuch von Theaterproduktionen, die interessieren («Spectating»).
  • Sie ermöglichen den Austausch mit Theatermachenden und unterstützen (z.B. durch Gespräche) die Auseinandersetzung mit den Werken («Learning»).
  • Sie eröffnen den Zugang zu Theaterproduktionen, in denen ein Mitwirken und Mitentscheiden (z.B. über den Fortgang des Stückes) möglich ist («Involving»).
  • Sie ermöglichen den Zugang zur Mitwirkung in Theaterproduktionen (z.B. bei Laienbühnen) und unterstützen andere dabei, Vorurteile zu überwinden («Enabling»).
  • Sie stärken die Entschlossenheit zu einer eigenen, unabhängigen Theaterarbeit und zum Austausch mit anderen Kreativschaffenden («Inventing»).

Wann wird kulturelle Teilhabe schwierig oder gar unmöglich?

  • Wenn Fachpersonen davon ausgehen, dass sie für die Planung, Umsetzung und Auswertung von Massnahmen zuständig sind. Wenn sie zu wenig sehen, wie Nachbarschaft, Angehörige oder Ehrenamtliche einbezogen werden könnten oder wenn sie ihren Einbezug (Sozialraumorientierung) als «Aufwand» missverstehen.
  • Wenn Fachpersonen für andere denken und entscheiden. Wenn die Frage, warum es nicht funktionieren wird, ihr Denken und Handeln steuert.
  • Wenn Fachpersonen in Bereichs- und Wohngruppenlogiken denken. Dies führt dazu, dass übergreifende Aktivitäten als untypische, aufwändige Sonderfälle betrachtet werden, die es zu vermeiden gilt. Dadurch werden mögliche Ressourcen von vornherein verkannt.
  • Wenn Fachpersonen den «reibungslosen Ablauf» überbewerten. Gerade wenn sich Menschen ausprobieren, ist es wahrscheinlich, dass Dinge nicht immer nach Plan laufen.
  • Wenn Fachpersonen eine zu enge Vorstellung von dem haben, was zeitgemässer kultureller Ausdruck ist. Formate wie Blogs, Podcasts oder Videos geraten dadurch gar nicht in das Blickfeld. Oder nur noch.
  • Wenn Fachpersonen eine zu enge Vorstellung von dem haben, was kulturelle Teilhabe ist. So sind z.B. nicht nur Schauspielende, sondern auch Bühnenbildnerinnen, Regieführende oder Maskenbildner Teil der Theaterarbeit.

Wie können Fachpersonen und Institutionen Barrieren überwinden?

  • Mit dem UN-BRK-Navigator (vgl. am Ende vom Artikel) können Fachpersonen, Teams und Abteilungen reflektieren, ob ihre Haltungen, Fähigkeiten und Kenntnisse die kulturelle Teilhabe stärken.
  • Mit einer ermutigenden und aufgeschlossenen Teamkultur werden eher Chancen ergriffen als primär Risiken vermieden.
  • Mit einem agogischen Selbstverständnis, das sich selbst nicht als Zentrum der Lebensqualität von Menschen mit Beeinträchtigung definiert (z.B. «unsere» Bewohnerinnen und Bewohner).
  • Mit einem Arbeitsverständnis, das die Zugehörigkeit zu Teams nicht mit den Anliegen von Menschen mit Beeinträchtigung verwechselt.
  • Mit Aufgeschlossenheit gegenüber neuen und unbekannten Formen des kulturellen Ausdrucks.

Welche Chancen eröffnet die kulturelle Teilhabe einer Institution?

  • Kulturelle Teilhabe kann das Bild der relevanten Stakeholder einer Institution für Menschen mit Behinderung erweitern, indem z.B. auch Kulturschaffende als strategische Partner wichtig werden.
  • Sie kann Teil des Qualitätsmanagements und der Qualitätsentwicklung sein, indem vorgegebene Standards um Dimensionen der kulturellen Teilhabe erweitert werden.
  • Sie kann Teil der Freizeit- und Ferienplanung werden, indem die kulturellen Interessen der Menschen mit Beeinträchtigung z.B. bei der Wahl von Ausflugszielen oder von Feriendestinationen berücksichtigt werden.
  • Sie kann eine Dimension der Weiterbildungsplanung sein, indem kulturelle Interessen und Fähigkeiten als ergänzende Impulse für die persönliche und berufliche Entwicklung von Menschen mit Beeinträchtigung verstanden werden.
  • Sie kann Anstoss für eine innovative Betriebskommunikation sein, indem diese nicht nur über kulturelle Aktivitäten berichtet, sondern auch neue partizipative Formen der Kommunikation ausprobiert.

Mehr Infos

Der Gastautor

Johannes Schmuck ist Supervisor, Coach und Berater für soziale Institutionen.
Für INSOS Schweiz, Curaviva Schweiz und den Vahs hat Schmuck den UN-BRK-Navigator entwickelt.

Website von Johannes Schmuck

 

UN-BRK Navigator

Der UN-BRK Navigator ist ein Leitfaden für die agogische Arbeit mit der UN Behindertenrechtskonvention (UN BRK). Zum Herunterladen von der Website aktionsplan-un-brk.ch

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Bild: Szene aus dem Stück «Die Schwindler» des machTheaters. Es spielen Mirjam Gambon und Andres Landert. Copyright: zvg

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