Wahlen bei HPV 2

MITWIRKUNG | In 10 Schritten zum Selbstvertretungsteam

26. November 2020 / Manuela Breu
Seit 2015 setzt sich im HPV Rorschach ein gewähltes Selbstvertretungsteam für die Anliegen der Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen mit Beeinträchtigung ein. Sozialpädagogin Manuela Breu erklärt, wie im HPV das Wahlprozedere aussieht. Warum Wählen auch Lernen bedeutet. Und weshalb eine transparente Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg von Wahlen ist.

Im HPV Rorschach wählen Bewohnende und Mitarbeitende mit Beeinträchtigung seit 2015 eine eigene Vertretung: das Kernteam Selbstvertretung. Diese vier gewählten Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter aus den Bereichen Beschäftigung, Produktion und Wohnen sind Ansprechpersonen für alle Menschen in der Institution und arbeiten mit der Geschäftsleitung zusammen.

Durch die Wahlen wird die Selbst- und Mitbestimmung im Alltag noch stärker verankert und das Interesse an demokratischen Prozessen geweckt.

Schritt für Schritt zu mehr Selbst- und Mitbestimmung

Die Förderung der Selbstbestimmung ist im HPV Rorschach seit vielen Jahren ein Schwerpunkt. Bewohnenden-sitzungen, ein erster wohngruppenübergreifender Rat und 2008 die Gründung der Mitsprachegruppe «Wir für uns» waren erste Schritte zur Selbstvertretung. Das Interesse an solchen Aktivitäten ist seither stetig gestiegen. Heute engagieren sich über 50 Personen in verschiedenen Gruppen und Projekten.

Selbstvertretung eine wertvolle Möglichkeit darstellt, die Selbst- und Mitbestimmung der Bewohnenden und Mitarbeitenden mit Beeinträchtigung zu stärken.

Dabei zeigt sich, dass Selbstvertretung eine wertvolle Möglichkeit darstellt, die Selbst- und Mitbestimmung der Bewohnenden und Mitarbeitenden mit Beeinträchtigung zu stärken und der UN-BRK Rechnung zu tragen.

Können Bewohnende und Mitarbeitende mit Beeinträchtigung ihre Vertretung wählen, wird die Legitimation der einzelnen Selbstvertretenden gefördert sowie Ziel und Zweck der Selbstvertretung einer grossen Zahl von Mitarbeitenden, Bewohner*innen sowie Personal bekannt gemacht.

Durch die aktive Auseinandersetzung mit dem Thema wird das Verständnis für demokratische Prozesse aktiviert und gefördert. Die Selbstvertretungs-Wahlen finden alle drei Jahre statt.

In 10 Schritten zum Selbstvertretungsteam

Im HPV Rorschach besteht seit 2015 eine Fachstelle Selbstvertretung, welche Anliegen, Aktivitäten und Projekte betreffend Selbst- und Mitbestimmung koordiniert und unterstützt. Sie ist auch für die Planung und Durchführung der Wahlen zuständig.

Der Wahlprozess kann in zehn Schritten zusammengefasst werden:

  1. Persönliche Information des Personals durch Projektvorstellung und Austausch in den Teamsitzungen.
  2. Bildung von bereichsspezifischen Projektteams (Beschäftigung, Produktion und Wohnen) bestehend aus Fach-personen und neu auch Selbstvertretenden.
  3. Erstellung von Informationsunterlagen in Leichter Sprache.
  4. Persönliche Information aller Mitarbeitenden und Bewohnenden durch Besuche von Projektteammitgliedern in Gruppen- und Abteilungssitzungen.
  5. Schriftliche Information der Angehörigen und gesetzlichen Vertretungen.
  6. Infoanlässe für Interessierte in allen drei Bereichen: Aktuelles Kernteam Selbstvertretung stellt die Anforderungen und Aufgaben vor. Abgabe der Bewerbungsunterlagen.
  7. Einreichung der Bewerbung mit Foto und Motivation.
  8. Erstellung von Wahlheften, Wahlplakaten und Videoclips.
  9. Wahlwoche: In allen drei Bereichen kann an der Urne gewählt werden.
  10. Wahlfeier: Feierliche Bekanntgabe des gewählten Teams mit Rückblick auf die bisherige Amtszeit, Würdigung aller Kandidierenden, Grussworte und musikalische Umrahmung mit Apéro.

Wählen als stetiger Lernprozess

Wählen heisst Lernen: Das gilt hier für alle Beteiligten. Während einige Bewohnende und Mitarbeitende zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Wahl an der Urne teilnehmen, lernen Fachpersonen Verantwortung abzugeben und sich in Zurückhaltung zu üben, da hier ihre Meinung nicht gefragt ist.

Die ersten Wahlen 2015 waren ein Experiment mit völlig unklarem Ausgang, vor allem Personal und Angehörige stellten sich dabei viele Fragen:

  • «Werden die Wahlen überhaupt auf Interesse stossen?»
  • «Werden geeignete Personen gewählt?»
  • «Wie gehen nichtgewählte Personen mit ihrer Enttäuschung um?»

Fragen über Fragen. Immer wieder wurde diskutiert, welche Wahlregeln es braucht. Das Ergebnis: so wenig Vorgaben und Einschränkungen wie möglich, um nicht unnötig in den Prozess einzugreifen. Denn es gilt die Devise: Die Bewohnenden und Mitarbeitenden wählen ihr Team.

So wenig Vorgaben und Einschränkungen wie möglich, um nicht unnötig in den Prozess einzugreifen.

Die Möglichkeiten eines jeden einzelnen gewählten Selbstvertreters und ihre Teamzusammenarbeit entscheiden schliesslich darüber, wie ihr Engagement aussieht. Bei den bisherigen Wahlen zeigte sich, dass Personen gewählt wurden, die als besonders kontaktfreudig, offen, interessiert und hilfsbereit bezeichnet werden können.

Im Vorfeld der Wahlen wurde zusammen mit der Geschäftsleitung die Grundsatzentscheidung getroffen, dass ein erhöhter Unterstützungsbedarf kein Ausschlusskriterium darstellen darf. Seit 2018 zeigt eine gewählte Selbstvertreterin, wie sie als mit dem Sprachcomputer kommunizierende Person genauso kompetent und engagiert ihr Amt ausüben kann. Auch dabei werden viele Barrieren abgebaut, vor allem in den Köpfen.

Welche Erfahrungen haben wir gemacht?

Information ist der Schlüssel zum Erfolg. Alle müssen sorgfältig informiert werden: die Wahlberechtigten, das Personal sowie Angehörige und gesetzliche Vertretungen. Durch eine offene Kommunikation können Ängste abgebaut und durch konstruktive Kritik das Vorgehen stets verbessert werden.

Die Erstellung von Informations- und Wahlmaterial in Leichter Sprache, mit Piktogrammen und Fotos oder in Form von Videoclips ist zentral: Nur wer versteht, kann eine wirkliche Wahl treffen. Es lohnt sich, für jeden Bereich zu überlegen, welches die Zielgruppe ist und mit welchen Formen sie bestmöglichst erreicht werden kann.

Information ist der Schlüssel zum Erfolg. Alle müssen sorgfältig informiert werden: die Wahlberechtigten, das Personal sowie Angehörige und gesetzliche Vertretungen.

Auch die bereichsübergreifende Zusammenarbeit von Selbstvertretenden und Personal ist eine Bereicherung und führt gerade in grossen Organisationen zu neuen Verbindungen. Mit jeder Durchführung bringen sich die Selbstvertretenden noch stärker in die Wahlvorbereitungen ein: So wird zum Beispiel auch die Wahlfeier von Selbstvertretenden vorbereitet und moderiert.

Vor den ersten Wahlen befürchteten einige Angehörige und Fachpersonen, dass die nichtgewählten Personen mit der damit verbundenen Enttäuschung nicht umgehen und so das Interesse an solchen Themen verlieren könnten. Diese Befürchtung traf nicht ein: Einige Personen reagierten zwar an der Wahlfeier sehr emotional, äusserten danach jedoch den Wunsch, sich in anderen Selbstvertretungsprojekten einzubringen.

So erhielten nach jeder Wahl sämtliche Selbstvertretungsgruppen neue engagierte Mitglieder, und auch die Anzahl freiwilliger Textprüfenden für Leichte Sprache erhöhte sich. 

Und zum Schluss…

Die häufig gestellte Frage nach der Wahlbeteiligung: Auch im HPV Rorschach wollen nicht alle Menschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, doch mit 61% wurde 2017 eine Wahlbeteiligung erreicht, die für sich und die Selbstvertretung spricht…

 

Unsere Gastautorin

Manuela Breu ist Sozialpädagogin beim HPV Rorschach.

Weitere Infos

Weitere Einblicke in die Selbstvertretung im HPV Rorschach:

 

 

 

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