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CORONAVIRUS | Die Rolle der Führungskräfte

24. April 2020 / France Santi
Neue Aufgaben, Homeoffice, Unsicherheit usw. Die Coronakrise stellt den Alltag in Unternehmen und Institutionen auf den Kopf. Was bedeutet das für die Führungskräfte und Teamleiter? Welche Rolle spielen sie in dieser Krise? Und über welche Eigenschaften müssen sie verfügen? Für François Jung, Spezialist im Bereich Gruppenleitung, ist es wichtig, einen «Rahmen vorzugeben».

Was ist die wichtigste Aufgabe von Führungskräften in dieser Krise?

Die derzeitige Krisensituation führt zu einer Orientierungslosigkeit, wie ich sie nenne. Der übliche Rahmen ist nicht mehr gegeben, es fehlt an Struktur. Für diejenigen, die direkt an der Front arbeiten, ändern sich Aufgaben oder fallen ganz weg. Andere arbeiten von zu Hause aus. Auch wenn dies auf dem ersten Blick attraktiv erscheint, kann sich die Situation für viele Menschen als sehr schwierig erweisen. Sie laufen Gefahr, vom häuslichen Alltag aufgezehrt zu werden. Und die Motivation zu verlieren.

"Viele Menschen brauchen eine Struktur, um gut zu funktionieren." 

Viele Menschen brauchen eine Struktur, um gut zu funktionieren. Die Gruppe, das Team, die Präsenz der Vorgesetzten – all das stellte eine automatische Kontrollinstanz dar, die im Zuge der Krise verschwunden ist.

Wollen Sie damit sagen, dass die Führungskräfte die Teams überwachen müssen?

Nein, man muss sich von der Vorstellung lösen, dass der allwissende Vorgesetzte alles kontrolliert und bestimmt. Es geht nicht darum, allen zu sagen, was sie wie zu tun haben.

Vielmehr müssen die Führungskräfte den Rahmen vorgeben, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Arbeit unter guten Bedingungen erbringen können. Sie müssen Orientierungslosigkeit unter den Mitarbeitenden vermeiden. Vergessen wir nicht, dass nicht nur Apathie, sondern auch Aktivismus viel Schaden anrichten kann. Ist ein Rahmen vorgegeben, lässt sich dieses Problem vermeiden.

"Ist ein Rahmen vorgegeben, lässt sich dieses Problem vermeiden."

Führungskraft zu sein, heisst also nicht, allwissend zu sein und alle Entscheidungen zu treffen. Von dieser Vorstellung muss man sich lösen. Eine echte Führungspersönlichkeit organisiert die Arbeit, fordert von ihrem Team Lösungen ein und gibt ihren Mitarbeitenden die Mittel, um diese Lösungen umsetzen zu können.

Ihre Rolle besteht also darin, einen Rahmen vorzugeben. Aber wie genau geht das?


Ich erkläre 4 wichtige Teilaspekte davon.

  1. Zeitplanung
    Die Krise erfordert kurzfristige Steuerungsmassnahmen: Es brennt, und überall muss dringend gelöscht werden. Aber nicht nur das Unternehmen, die Institution und die Teams brauchen mittel- bis langfristige Ziele, auch jeder und jede Einzelne: Wir alle müssen zumindest mittelfristige Ziele haben, die uns als wertvolle Orientierungshilfe dienen, um im Gleichgewicht zu bleiben. Die Führungskräfte müssen daher die Zeit so planen, dass die Kurzfristigkeit nicht ewig anhält, und sie müssen Perspektiven bieten.  Mir gefällt das Bild eines Gefässes, das man mit Steinen füllt. In Krisenzeiten füllt man es mit kleinen Kieseln, ohne Platz für grössere Steine (mittel- bis langfristige Projekte) zu lassen. Die Aufgabe der Führungskräfte besteht darin, Platz für grosse Steine zu schaffen.

  2. Sich Zeit nehmen und Möglichkeiten des Austauschs bieten
    Gespräche zwischen der Führungsebene und den Mitarbeitenden sind grundlegend. Aber Achtung: Es geht nicht darum, grosse Reden zu schwingen, sondern Momente des Austauschs zu schaffen. Die Aufgabe der Vorgesetzten besteht zum einen darin, zuzuhören, um einen Raum zu schaffen, in dem die geistige Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewahrt wird. Zweitens muss man sich Zeit für die Mitarbeitenden nehmen und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Meinung kundzutun. Und es gilt, gemeinsame Ziele zu bestimmen. Es ist gut, dies regelmässig zu tun. Mindestens alle zwei bis drei Tage.
    Für einen solchen Austausch stehen zahlreiche digitale Lösungen zur Auswahl. Einige eignen sich für Diskussionen, andere zum Erstellen von Webinaren oder für Gruppenarbeiten.* 

  3. Mitarbeitenden für ihre Arbeit Wertschätzung zeigen
    Wertschätzung, Dank, Bestätigung ausdrücken – das sind Grundkompetenzen einer Führungskraft. Im Alltag vergisst man oft, Wertschätzung zu zeigen. Das ist schlimm genug. Aber jetzt in Zeiten der Krise ist es eine Katastrophe. Wertschätzung zu zeigen, ist essenziell. Und dabei geht es nicht nur darum, Danke zu sagen, sondern konkret zu werden und ein genaues Feedback zur geleisteten Arbeit zu geben. Da die Führungskräfte nicht über alle Vorgänge informiert sein können, kann der Dank auch stufenweise weitergegeben werden. Die Geschäftsleitung kann beispielsweise den Bereichsleitenden danken, diese geben den Dank an die Teamleitungen weiter und die wiederum an ihre Teammitglieder. 

  4. Klare Kommunikation in strategischen Fragen
    Strategiearbeit ist unabdingbar. Man muss seine strategischen Entscheide aber auch kommunizieren. Und zwar klar und transparent. Transparenz heisst beispielsweise, Schwierigkeiten nicht unter den Teppich zu kehren. Denn Sie wissen, dass Ihre Mitarbeitenden spüren, wenn Sie ihnen etwas verheimlichen. Und es gibt nichts Schlimmeres, als andere im Ungewissen zu lassen, denn so entstehen Gerüchte. Eine wöchentliche oder alle drei Tage erfolgende Info (Brief, E-Mail, Meldungen im Intranet, Video) ist eine interessante Möglichkeit, um konkret zu kommunizieren.

Aber in Krisenzeiten haben die Führungskräfte überhaupt Zeit, um noch mehr zu kommunizieren?

Ja, es stimmt, dass die Führungskräfte seit Beginn der Krise eine enorme Arbeitslast zu bewältigen haben. Überall brennt es.

"Sich Zeit nehmen, um zu reden, zuzuhören, Danke zu sagen, die Arbeitszeit zu planen ... Diese Dinge sind ein Muss." 

Trotz allem muss man sich Zeit nehmen, um zu reden, zuzuhören, Danke zu sagen, die Arbeitszeit zu planen ... Damit es klar ist: Diese Dinge sind nicht nur «nice to have». Sie sind ein Muss. 

Aber wirkt sich die Krise nicht auch auf die Führungskräfte aus?

Natürlich. Wegen der Krise haben die Führungskräfte plötzlich eine enorme Arbeitsbelastung. Nach einer Weile kann sich auch bei ihnen Orientierungslosigkeit einstellen.

"Ich empfehle allen, sich externe Hilfe, einen Coach, zu holen."

Auch sie müssen ein Gleichgewicht zwischen der täglichen Arbeit und den Langzeitprojekten finden. Und ihre Kräfte einteilen, um einen Burn-out zu vermeiden.

Ich empfehle allen, sich externe Hilfe, einen Coach, zu holen. Ich coache selbst, habe aber ebenfalls einen eigenen Coach. Ich kann Ihnen versichern, dass dies kein unnötiger Luxus ist.  

 
Portrait de Francois Jung

Unser Gesprächspartner

Wir danken François Jung, dass er sich Zeit für uns genommen hat.

François Jung ist Spezialist im Bereich Gruppenleitung, insbesondere in der Erwachsenenbildung. Aktuell leitet er Synact.org, ein Coaching- und Beratungsangebot für die Gruppenarbeit.

 

* Auf der Seite collaborations.ch hat François Jung eine Liste von Online-Kommunikationsmitteln (Videokonferenzlösungen, Webinare, interaktive Whiteboards etc.) zusammengestellt. 
www.collaborations.ch/visioconference (auf Französisch)






Bilder: iStock/illionaire, François Jung

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