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CORONAVIRUS | Den Kontakt halten

20. Mai 2020 / France Santi
Die Isolation und Social Distancing haben unsere Kommunikationsgewohnheiten auf den Kopf gestellt. Die Mehrzahl der Werkstätten musste schliessen. Für die Bewohnerinnen und Bewohner galt ein Besuchs- und Ausgehverbot. Wie haben die Institutionen und Organisationen für Menschen mit Behinderung die Situation bewältigt? Welche Wege haben sie gefunden, um soziale Kontakte zu ermöglichen? Ein Rück- und Ausblick von 3 Fachpersonen.
  1. MEHR INTERAKTION
    Ludovic Jaugey, Leiter von Foyer-Handicap, erzählt.
  2. ZOOM-DISCO
    Anne-Gaëlle Masson, Generalsekretärin von insieme Vaud, erzählt.
  3. VIDEOS, BRIEFE UND SCHOKOLADE
    Sven Stückmann, Leiter Marketing, Verkauf und Kommunikation von Altra Schauffhausen, erzählt.
 

Mehr Interaktion

Ludovic Jaugey – Foyer-Handicap
Die in Genf ansässige Institution Foyer-Handicap ist auf die Betreuung von Menschen mit vorwiegend körperlichen Behinderungen spezialisiert. Die Einstellung der Produktionstätigkeit und der Rückzug in die Lebensräume hat der Institution einiges an Anpassungsfähigkeit abverlangt. Das habe aber auch seine guten Seiten, wie Ludovic Jaugey, Leiter von Foyer-Handicap, erklärt.

Aktivitäten

«Als wir die Produktionsstätten schliessen mussten, haben wir sofort telefonische Kontaktmöglichkeiten eingerichtet. Wir haben alle unsere Mitarbeitenden einmal pro Woche angerufen. Einige unserer Mitarbeitenden konnten sogar weiter arbeiten, zum Beispiel unser Journalistenteam und die Medienstelle. Wir haben das für die Heimarbeit benötigte Material zur Verfügung gestellt. So konnten sie von zu Hause aus tätig sein.
In den Wohneinrichtungen haben wir iPads bereitgestellt, damit die Bewohnerinnen und Bewohner mit ihren Familien kommunizieren können. Anderen haben wir etwa bei der Installation bestimmter Software geholfen.
In Form kleinerer Videokonferenzen und über unseren Newsletter, den wir mehrere Wochen lang täglich herausgaben, haben wir sehr viel mit unseren Mitarbeitenden kommuniziert. Der Informationsbedarf war und ist sehr hoch.»

Ergebnisse

«Ich würde fast sagen, dass diese Krise auch ihr Gutes hat. Der gegenseitige Austausch hat deutlich zugenommen. Einmal pro Woche haben wir eine Videokonferenz mit unserer Delegiertenkommission abgehalten. Deren Mitglieder wiederum haben WhatsApp-Gruppen mit den anderen Mitarbeitenden gebildet, um Hilfe anzubieten und Gespräche zu führen, aber auch um Bedürfnisse zu identifizieren. Es herrschte ein wirklich reger Austausch. Und die Kommissionsmitglieder konnten mehr Zeit für ihre Aufgabe als Delegierte aufwenden. Das macht sich bemerkbar: Die letzte Sitzung der Delegiertenkommission war ausserordentlich ergiebig. Im Zuge der Krise haben wir in Führungsangelegenheiten deutliche Fortschritte gemacht: Alles, was wir in den letzten Jahren aufgegleist haben, wurde plötzlich intensiv umgesetzt.
Und es gibt noch zwei weitere bemerkenswerte Entwicklungen: Erstens hat die Krise den internen Zusammenhalt gestärkt. Aufgrund der besonderen Lage waren die Bewohnerinnen und Bewohner aufeinander angewiesen. Dadurch wurden neue Bande geknüpft. Anstatt sich nur über den Weg zu laufen, haben sie nun vieles gemeinsam unternommen. Das gilt auch für die Betreuungspersonen, die mehr Zeit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern verbracht haben. Von einigen habe ich sogar gehört, dass sie ihre Arbeit wieder als viel sinnerfüllter wahrnehmen. Zweitens wurden durch die Krise Grenzen überwunden. Menschen unterschiedlicher Bereiche stiessen aufeinander. So kamen Mitarbeitende der Werkstätten in die Wohneinrichtungen, um dort zu arbeiten. Dies bot die Möglichkeit, neue Menschen kennenzulernen und Neues auszuprobieren.»

Die Zukunft

«Ich weiss noch nicht, wie es weitergehen wird, aber ich habe einige Ideen. Wir denken beispielsweise darüber nach, einigen Mitarbeitenden, für die der Weg zur Arbeit beschwerlich ist, die Arbeit von zu Hause aus zu ermöglichen. Und bestimmte Kommunikationsmittel wie Videokonferenzen und den Newsletter überlegen wir beizubehalten. Wir werden sehen. Die Mitglieder der Delegiertenkommission werden eine Umfrage durchführen, um die Bedürfnisse zu ermitteln.»

 

Zoom-Disco

Anne-Gaëlle Masson – Insieme Vaud
Eine der Aufgaben von Insieme Vaud besteht darin, Ferienangebote, Gruppenaktivitäten (Kinoabende, Bowling, Thermalbad etc.) und Austauschmöglichkeiten zu organisieren. Durch das Coronavirus kam all das zum Stillstand. Sehr schnell sei man auf digitale Alternativen umgestiegen, erzählt Anne-Gaëlle Masson, die Generalsekretärin von Insieme Vaud.

Aktivitäten

«Anfangs haben wir mit unseren Mitgliedern telefoniert, um zu erfahren, wie es ihnen geht. Einige der Personen, die ihre kleinen oder erwachsenen Kinder zu Hause hatten, gaben an, müde zu sein und Entlastung zu benötigen. Deshalb haben wir beschlossen, ein Unterhaltungsangebot und Online-Kurse anzubieten. Wir begannen mit zwei Kursen. Es lief wunderbar. Sehr schnell haben wir das Angebot ausgebaut, bis wir jeden Tag mit etwas aufwarten konnten. Wir haben verschiedene Online-Aktivitäten eingeführt: Musikspiele, Entspannungsübungen, Zumba, Pop-Art, Erzählungen, Koch-Events und sogar eine Party. Das Team sowie die Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter haben mich sehr beeindruckt. Sie waren genial, haben schnell reagiert und grosse Anpassungsfähigkeit bewiesen. Es galt, neue Technologien kennenzulernen und sich vor die Kamera zu wagen. Alle haben dabei mitgespielt: die Menschen mit Behinderung, die Eltern, die Institutionen und die Betreuungspersonen.»

Ergebnisse

«Es funktioniert sehr gut. An jedem Angebot nehmen zwischen 5 und 20 Personen teil, die es kaum erwarten können, bis es wieder Zeit für ihre tägliche Online-Aktivität ist. Den grössten Erfolg feiert unsere Party. Jede Woche tanzen bis zu 20 Personen zusammen via Zoom. Mit den Angeboten können wir wirklich Entlastung schaffen und Familien Erlebnisse teilen lassen. Die Menschen mit Behinderung können es machen wie alle anderen: Auch sie haben ihre Videokonferenzen, genau wie ihre Geschwister für die Schule oder ihre Eltern für die Arbeit. Neben all den neuen Aktivitäten konnte sich auch unsere traditionelle Donnerstagabendgruppe via Zoom weiterhin treffen und hat das mit einem virtuellen Apéro gefeiert.»

Die Zukunft

«Wir warten noch auf die Entscheidung, ob wir diesen Sommer unsere Camps durchführen können. Auch wenn wir zur Normalität zurückkehren können, wäre es sicher nicht schlecht, weiter Online-Aktivitäten anzubieten. Wir haben gesehen, dass das gut funktioniert. Allerdings stellt sich die Finanzierungsfrage: Wird diese Leistung abgegolten oder nicht? Wir werden ganz sicher Gelder dafür auftreiben müssen.»

 

Videos, Briefe und Schokolade

Sven Stückmann – Altra Schaffhausen
Die Institution Altra Schaffhausen hat auf eine Internetplattform gesetzt, um den Kontakt mit ihren Mitarbeitenden zu halten. Sie hat ihnen aber auch Briefe, Postkarten und sogar Schokolade geschickt. Die Krise habe die Bedeutung der Kommunikation verdeutlicht, betont Sven Stückmann, Leiter Marketing, Verkauf und Kommunikation.

Aktivitäten

«Gleich nachdem die Schliessung unserer Produktionsstätten bekannt gegeben worden war, haben wir zwei Dinge eingeführt. Erstens Telefonkontakte: Die Verantwortlichen in den Werkstätten haben unsere Mitarbeitenden regelmässig angerufen. Zweitens haben wir eine Hotline eingerichtet. Wem zu Hause die Decke auf den Kopf fiel, der konnte dort anrufen. Bei Beginn der Krise haben wir Notarbeitsplätze zur Verfügung gestellt.
Mehrfach haben wir Briefe und Postkarten an unsere Mitarbeitenden versandt. Einmal haben wir sogar einen frankierten Rückumschlag beigelegt, damit die Empfänger uns antworten konnten. Natürlich haben wir die E-Mails und Briefe, die wir von den Mitarbeitenden erhielten, persönlich beantwortet. Zu Ostern schickten wir ihnen Schokolade.
Schliesslich haben wir ebenfalls eine Online-Plattform eingerichtet, die mit einem Passwort zugänglich ist. Dort veröffentlichten wir Informationen und insbesondere Videos – und die Gruppenleitenden erklärten den aktuellen Stand und die nächsten Schritte.»

Ergebnisse

«Unsere Anrufe und Briefe wurden sehr geschätzt. Und die Plattform hat sehr gut funktioniert. Die Videos wurden jeweils 100- bis 200-mal angeklickt. Fast ein Drittel unserer Mitarbeitenden hat die Online-Videos geschaut oder sich über interne Angelegenheiten informiert.
Das überrascht mich nicht. Für mich ist klar, dass sich eine transparente interne Kommunikation positiv auswirkt. Die Kommunikation mittels Videos kommt sehr gut an. So hatten unsere Mitarbeitenden Einblick in ihre angestammten Bereiche.
Die Krise hat wahrscheinlich allen Mitarbeitenden und Fachpersonen deutlich gemacht, wie wichtig die interne Kommunikation ist. All das ersetzt zwar keine echten Kontakte, macht es aber trotzdem möglich, Informationen weiterzugeben und alle auf einem aktuellen Stand zu halten.»

Die Zukunft

«Die Internetplattform werden wir nicht behalten, auch wenn sie gut funktioniert hat. Denn wir installieren Ende Mai 2020 interaktive Bildschirme an allen Standorten unserer Institution. Das hatten wir schon lange vor dem Coronavirus geplant. Über diese Bildschirme können wir weiterhin Videos, Fotos und allgemeine Informationen zugänglich machen. Die Bildschirme unterstützen die persönliche interne Kommunikation und stellen sicher, dass alle zur gleichen Zeit auf dem gleichen Stand sein können.»

 




Hauptbild: iStock/Morsa-Images
Weitere Bilder: zvg

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