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CORONAVIRUS | 5 Herausforderungen bei der täglichen Arbeit

19. April 2020 / France Santi
Ein anderer Rhythmus, Stresssituationen, Besuchsverbote ... Im Zuge der Coronakrise sind die Fachpersonen in den Institutionen mit einer Menge neuer Herausforderungen konfrontiert. Wir besprechen fünf davon mit Catherine Dufrêne von der Hochschule für Soziale Arbeit in Genf.

 

Hinweis: Alle Aussagen in Anführungszeichen stammen von Catherine Dufrêne.

1. Veränderungen im Tagesablauf bewältigen

Von einem Tag auf den anderen haben zahlreiche Werkstätten ihre Türen geschlossen oder den Betrieb massiv reduziert. Für die Bewohner und Bewohnerinnen heisst das, dass sich ihr Bewegungsradius auf ihre Institution oder ihre Wohngruppe beschränkt. «Der Alltag wurde vollkommen durcheinandergebracht. Er besteht nicht mehr aus Aufstehen, Werkstatt, Feierabend. Für die Fachpersonen in den Einrichtungen bedeutet dies eine deutliche Zunahme ihrer Arbeitsbelastung, da sie nunmehr eine 24-Stunden-Betreuung gewährleisten müssen.»

Problem

  • Die Fachpersonen (Ausbilderinnen und Ausbilder, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Aufsichtspersonal) müssen eine 24-Stunden-Betreuung sicherstellen.

 

Lösungansatz

  • Institutionen, die Lebensräume anbieten, müssen ihre Aktivitäten überdenken und Kleingruppen bilden, die es ermöglichen, weiterhin einen gewissen Rhythmus beizubehalten und die Betreuungsarbeit aufzuteilen.
  • Die Kolleginnen und Kollegen aus den Werkstätten müssen in die Teams der Institutionen eingebunden werden. «Das kann interessant sein, auch wenn es keine gängige Praxis ist, die Teams zu mischen. Die Neuzugänge müssen ihren Platz im Team finden, und langjährige Mitarbeitende müssen sich die Zeit nehmen, ihnen alles zu erklären.»
  • Personal aufstocken Die Institutionen können Studierende der Sozialen Arbeit oder Zivildienstleistende sowie Freiwillige hinzuziehen.

 

Während der Coronakrise muss das gesamte verfügbare Personal mobilisiert werden, was auch bedeutet, dass zusätzliche Mitarbeitende eingestellt werden müssen. «Gleichzeitig dürfen wir jetzt nicht alle Ressourcen aufbrauchen. Wir müssen auch längerfristig denken und Reservepersonal einplanen. Für die Führungskräfte ist die Situation wirklich schwierig.»

2. Ängsten begegnen

Das Coronavirus ruft Ängste und Fragen hervor. Einerseits fehlt die Struktur des Alltags, andererseits

  • hört man von Betroffenen und muss vorsichtig sein.
  • Man kann nicht mehr einfach seine Familie treffen oder Vergnügungen nachgehen.
  • Die Abstandsregeln, die Umarmungen und andere alltägliche Gesten verbieten, sind einzuhalten.
  • Es ist ungewohnt, dass das Personal teilweise Masken trägt.

Auf diese Ängste und Fragen müssen die Fachpersonen reagieren und Antworten bieten. Dafür muss «der gesamte Betreuungsansatz überdacht werden».

Problem

  • Es gilt, den durch die Krise hervorgerufenen Ängsten zu begegnen.

 

Lösungansatz

  • Die Betreuung jeder einzelnen Bewohnerin und jedes einzelnen Bewohners überdenken. In diesen unruhigen Zeiten ändern sich auch die Bedürfnisse der Bewohner*innen. Einige müssen stärker beschäftigt werden, andere benötigen mehr Ruhe.
  • Den Schwerpunkt darauf setzen, den Bewohner*innen zuzuhören und ihnen Sicherheit zu vermitteln. Diese Aufgaben, die bei der Betreuung schon immer wichtig waren, gewinnen zusätzlich an Bedeutung, und derzeit sind sie fundamental.

3. Kontakt mit den Angehörigen sicherstellen

Im Zuge der Coronakrise wurden die internen und externen Besuchsmöglichkeiten beschränkt. Die Bewohner und Bewohnerinnen können ihre Liebsten nicht mehr besuchen, und die Familien können nicht mehr in die Institutionen kommen. Auch hier ist es an den Fachpersonen, Sicherheit zu vermitteln und den Kontakt zu gewährleisten.

Problem

  • Fehlender Kontakt zu den Liebste.

Lösungansatz

  • Kontakt mit den Angehörigen pflegen. Ihnen zuhören und sie umfassend informieren. «Das gehört ganz allgemein zur Arbeit der Fachpersonen. In einer Krise wie dieser ist aber noch mehr Kommunikation nötig.»
  • Telefonisch, aber auch über Online-Medien (Skype, WhatsApp, Facetime etc.) den Kontakt halten.
  • Zusätzliche Wege finden, um in Kontakt zu bleiben. Beispielsweise: Fotos und Zeichnungen versenden, Briefe und E-Mails vorlesen.

4. Abstand halten

Das Coronavirus macht es nötig, die Hygieneregeln einzuhalten und den Abstand zu anderen zu wahren. Diese Vorschriften werfen Gewohnheiten über den Haufen. Man begrüsst sich nicht mehr wie früher. Man kann sich auch nicht mehr so nahe kommen. Manchen Bewohner und Bewohnerinnen fällt es schwer, die Abstandsregeln einzuhalten.

Auch für die Fachpersonen ist es nicht immer möglich, die vorgeschriebenen Distanzen einzuhalten. «Wir sind in einer Wohneinrichtung. Wir können zwar den Kontakt einschränken, ihn aber nicht vollkommen unterbinden. Wir erbringen Pflegeleistungen. Zudem benötigen einige Bewohner und Bewohnerinnen Hilfe beim An- und Ausziehen.

Problem

  • Abstandsregeln einführen und achten, insbesondere die Regel, zwei Meter Abstand zu halten.

 

Lösungansatz

  • Die Bewohner*innen beruhigen und ihnen die Regeln mit Worten und mithilfe von Piktogrammen erklären.
  • Neue Möglichkeiten der Begrüssung finden. 

Sicherstellen, dass

  • von der Institutionsleitung klare Hygieneregeln vorgeschrieben werden;
  • die Räumlichkeiten regelmässig gereinigt werden;
  • Schutzmaterial (Masken, Handschuhe, Seife, Desinfektionsmittel) vorhanden ist.

5. Anerkennung schaffen

Eine der Schwierigkeiten, mit der Betreuungspersonen von Menschen mit Behinderungen konfrontiert sind, ist, dass ihr Beruf kaum bekannt ist und wenig darüber berichtet wird. «Das stimmt: Die Soziale Arbeit ist in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt und steht oft weit unten auf der Liste. Das ist nichts Neues. Aber gerade heute gilt es, den Mitarbeitenden zu zeigen, dass man an sie denkt. Genauso wie an die anderen Berufsgruppen, denen man jeden Abend applaudiert. In diesem Zusammenhang spielen die Institutionsleitungen eine besonders wichtige Rolle, wenn es um die Anerkennung der Leistung ihrer Mitarbeitenden geht.

Problem

  • Fehlende Anerkennung, da die Berufsgruppen, die Menschen mit Behinderungen betreuen, kaum bekannt sind.

 

Lösungansatz

  • Unterstützung durch die Institutionsleitung. «Die Teams müssen spüren, dass ihre Institutionsleitung da ist und mit einer Taskforce hinter ihnen steht. Und natürlich muss die Institutionsleitung oft und klar mit den Teams kommunizieren.
  • Die Direktionen, Organisationen und Partner müssen Lobbyarbeit bei den Medien leisten, damit über die Berufe berichtet wird und sie bei der breiten Bevölkerung bekannt werden.
 

Unsere Gesprächspartnerin

Herzlichen Dank an Catherine Dufrêne, dass sie sich Zeit genommen hat.

Catherine Dufrêne ist Kursverantwortliche an der Hochschule für Soziale Arbeit in Genf und Sozialpädagogin HES beim Integrationsdienst EPI.

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