Futur

Blick in die Zukunft

01. Januar 2021 / Barbara Lauber / Tschoff Löw
Gibt es 2030 noch Institutionen für Menschen mit Behinderung? Wie wird die UN-BRK bis dahin die institutionellen Dienstleistungen verändern? Und was bringt die neue Föderation ARTISET unseren Mitgliedern? INSOS-Präsidentin Marianne Streiff und Geschäftsführer Peter Saxenhofer über die Zukunft der Branche, Chancen, Hoffnungen und Hürden.

Die Institutionen für Menschen mit Behinderung haben sich in den letzten 90 Jahren komplett verändert – und INSOS Schweiz mit ihnen. Welche Ereignisse haben in Ihren Augen den grössten Entwicklungsschub in der Branche ausgelöst?

Marianne Streiff: Wenn ich die institutionellen Unterstützungsangebote von heute mit den Anstalten und Werkstätten für Menschen mit Behinderung von 1930 vergleiche, muss ich nur staunen Die Einrichtungen haben in diesen 90 Jahren einen Quantensprung zurückgelegt. Zu ihrer Geschichte gehören leider auch dunkle Zeiten, wie die in den 1930er-Jahren hoch im Kurs stehende Lehre der Eugenik.
Doch um auf die Frage zurückzukommen: Ereignisse lassen sich am besten im Kontext ihrer Zeit verstehen. Ich würde deshalb von zwei entscheidenden Meilensteinen sprechen: Der erste ist die Einführung des Invalidenversicherungsgesetzes 1959, das Menschen mit Behinderung finanzielle und materielle Unterstützung zusichert. Und der zweite ist die Ratifizierung der UN-BRK durch die Schweiz 2014.

Was hat die UN-BRK konkret verändert?

Peter Saxenhofer: Die UN-BRK definiert den Umgang der Normgesellschaft mit dem Thema Behinderung völlig neu. Mit ihr geht ein eigentlicher Paradigmenwechsel einher: weg von der Fürsorgehaltung und hin zu einem partnerschaftlichen Verhältnis auf Augenhöhe.

«Mit der UN-BRK geht ein eigentlicher Paradigmenwechsel einher: weg von der Fürsorgehaltung und hin zu einem partnerschaftlichen Verhältnis auf Augenhöhe.»

Marianne Streiff: Natürlich haben sich schon vorher in der Branche diese Werte entwickelt. Doch mit der Ratifizierung hat die Schweiz ein klares Zeichen gesetzt. Dabei geht es nicht nur um die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung. Es geht auch – und das wird oft vergessen – um ihre vollständige soziale Teilhabe in der Gesellschaft. Und für diese ist jeder Einzelne mitverantwortlich.

«Dabei geht es nicht nur um die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung. Es geht auch um ihre vollständige soziale Teilhabe in der Gesellschaft.»

 
Wo stehen die Institutionen heute in der Umsetzung der UN-BRK?

Peter Saxenhofer: Die UN-BRK lässt sich nicht per Mausklick umsetzen, sie ist ein Generationenprojekt. Hier geht es um grundlegende Veränderungen im Verständnis von Begleitung und Betreuung. Die UN-BRK stellt Werte und Haltungen in Frage. Dieser Prozess braucht Zeit, wenn er in die Tiefe gehen soll.
Auf unserer Website zum Aktionsplan UN-BRK finden sich bereits 70 Beispiele für grosse und kleine Projekte, die im Rahmen der UN-BRK in den Institutionen umgesetzt worden sind. Sie zeigen: Die Branche ist unterwegs.
Doch es gibt nicht den einen richtigen Umsetzungsweg. Vielmehr geht es darum, die UN-BRK auch im Kontext der Möglichkeiten der einzelnen Institutionen zu sehen. Das ist kein Freipass fürs Nichtstun, sondern soll motivieren, kleine oder grössere Umsetzungsschritte anzupacken.

Im Zusammenhang mit der UN-BRK ist immer wieder von der De-Institutionalisierung die Rede. Wird es 2030 noch Institutionen für Menschen mit Behinderung geben?

Peter Saxenhofer: Etwas vorneweg: Der Begriff «Institution» ist zunehmend negativ besetzt und wird oft mit Fremdbestimmung und Einschränkungen in Verbindung gebracht. «Dienstleister für Menschen mit Behinderung» wird der heutigen Rolle unserer Mitglieder viel gerechter.
Aber zurück zur Frage: Die De-Institutionalisierung ist ein Schlagwort, das von der zentralen Frage ablenkt: Welche Angebote braucht es, damit Menschen mit Behinderung an unserer auf Arbeit und Leistung ausgerichteten Gesellschaft teilhaben können? Ob und welche institutionellen Angebote es 2030 (noch) geben wird, sollen die Nutzer*innen entscheiden. Es werden sich jene Angebote durchsetzen, die ihren individuellen Erwartungen, Wünschen und Bedürfnissen am besten entsprechen.
Für mich ist jedoch klar: Wenn keine adäquaten alternativen Angebote zur Verfügung stehen, würden wir mit der Schliessung von Institutionen viele Menschen im Stich lassen.

«Die De-Institutionalisierung ist ein Schlagwort, das von der zentralen Frage ablenkt.»

Wie dürften im Jahr 2030 Dienstleistungsangebote für Menschen mit Behinderung konkret aussehen?

Marianne Streiff: Man wird immer weniger zwischen stationären und ambulanten Dienstleistungen unterscheiden. Die Nutzer*innen werden sich das passende Setting aus einer Vielzahl an Angeboten selber zusammenstellen können.
Das bedingt, dass die Angebote durchlässig werden.

Peter Saxenhofer: 2030 werden Personenzentrierung und die finanzielle Subjektorientierung weit stärker im Zentrum stehen als heute. Das bedeutet auch: Menschen mit Behinderung sollen bei der Arbeit, beim Wohnen und bei der Freizeitgestaltung weitgehend selber bestimmen, wie ihre verschiedenen Settings aussehen.
Doch auch hier gilt: Es gibt auch in Zukunft nicht den einen richtigen Weg. Es wird weiterhin eine grosse Vielfalt an Dienstleistungen brauchen, damit für die Nutzer*innen eine echte Wahl möglich ist.

«Die Aufteilung in stationäre und ambulante Leistungen ist überholt. Dieses Korsett mit seinen diversen Finanzierungsquellen muss verschwinden.»


Welche Voraussetzungen braucht es, damit die Mitglieder von INSOS all diese Herausforderungen erfolgreich meistern?

Marianne Streiff: Die Institutionen müssen sich bewegen können. Die heute geltende strikte Aufteilung in stationäre und ambulante Leistungen ist angebots- und nicht bedarfsorientiert und somit überholt. Dieses Korsett mit seinen diversen Finanzierungsquellen muss verschwinden.
Soziale Einrichtungen sollen als Dienstleister auftreten können, die die gesamte Angebotspalette abdecken dürfen und einen Gestaltungspielraum für die Entwicklung und Umsetzung von innovativen Ideen erhalten.
Hier sind Bund und Kantone in der Verantwortung. Institutionen sollen als «Wettbewerber» in einem geordneten Markt unterwegs sein können, ohne dass ein klar definierter Versorgungsauftrag auf der Strecke bleibt. Die Begleitung ist ein gesellschaftlicher Auftrag und kein Spielfeld für Profitmaximierung.

«Wir müssen nicht warten, bis sich die anderen Akteure bewegen.»


Wo sehen Sie die grössten Hürden und Stolpersteine?

Peter Saxenhofer: Mit der UN-BRK verfügen wir über ein wichtiges Denkmodell, das als Richtschnur dient für den Wandel in der Begleitung von Menschen. Hürden zeigen sich überall dort, wo dieses neue Denken auf die bisher praktizierte, alte Unterstützungsrealität trifft. Das gilt für Behörden und Verwaltung wie auch für die Institutionen. Wir alle stehen als Gesellschaft in der Verantwortung, dem neuen Denkmodell zum Durchbruch zu verhelfen und Korrekturen vorzunehmen.
Wir müssen nicht warten, bis sich die anderen Akteure bewegen. Wir haben Gestaltungsspielraum. Und den gilt es – auch unter suboptimalen Rahmenbedingungen – zu nutzen, um die soziale Teilhabe von Menschen mit Behinderung zu ermöglichen und zu erhöhen.

Auch INSOS Schweiz wappnet sich für die Zukunft: Gemeinsam mit CURAVIVA Schweiz will der Verband per 1. Januar 2022 eine gemeinsame Föderation schaffen (vgl. Kasten). Welche Perspektive eröffnet ARTISET den Mitgliedern von INSOS Schweiz?

Marianne Streiff: INSOS und CURAVIVA werden mit ARTISET in ein grösseres Ganzes eingebunden. Dadurch können sie die gemeinsamen Interessen ihrer Mitglieder künftig mit mehr Gewicht vertreten und werden von den Entscheidungsträgern noch besser gehört. Die Föderation bietet auch die Chance, wichtige Themen übergreifend anzugehen, beispielsweise das Thema Behinderung und Alter.
Ausserdem will ARTISET den Mitgliedernutzen vergrössern – unter anderem mit einer noch breiteren Palette an professionellen, vielfältigen Dienstleistungen. Für nicht wenige Mitglieder wird die Doppelmitgliedschaft wegfallen und auch die unnötige Konkurrenzsituation der beiden Verbände fällt endlich weg.

Welches wird die grösste Stärke von ARTISET?

Peter Saxenhofer: Wir kennen alle das Bonmot «1+1 gibt mehr als 2». Es illustriert aus meiner Sicht die Stärke von ARTISET – für die Mitglieder, die Mitarbeitenden und die Nutzer*innen. ARTISET soll ein nicht zu überhörender Player, Interessenvertreter und Partner im Bereich der Langzeitpflege und der sozialen Begleitung werden.

Mit der Föderation geht für INSOS eine Ära als eigenständiger Branchenverband zu Ende. Ein emotionaler Moment?

Peter Saxenhofer: Emotional vielleicht in dem Sinne, dass die 10-jährige Zusammenarbeit auf der INSOS-Geschäftsstelle, die ausgesprochen gut und zielorientiert funktionierte, nun eine neue Form innerhalb der Föderation bekommt. Doch es überwiegt klar die Vorfreude auf den Aufbruch.

«INSOS bleibt auch in Zukunft der Verband, den die Mitglieder heute schätzen: nahbar, engagiert, aktiv, kämpferisch, menschlich.»

Marianne Streiff: INSOS verschwindet ja nicht, sondern bekommt ein stärkeres Fundament. INSOS bleibt auch in Zukunft der Verband, den die Mitglieder heute schätzen: nahbar, engagiert, aktiv, kämpferisch, menschlich. Die Nähe und den Austausch mit den Mitgliedern werden wir weiterhin hochhalten. Stärkere Sichtbarkeit und grössere Schlagkraft kommen hinzu.
Ich würde deshalb sagen: Wir können alle mit der Föderation nur gewinnen.

Kommentare

  • Von Werner Brunner / 18. Januar 2021

    Dieser Ausblick trifft meine Meinung als Geschäftsleiter einer grossen ostschweizerischen stationären "Institution" oder besser "Dienstleisters" voll und ganz. Die Abkoppelung des heutigen Models, das über die Finanzierung prioritär die Möglichkeiten eines Menschen mit Unterstützungsbedarfes steuert, muss total durchlässig werden. Ich würde sogar weiter gehen und nicht nur für behinderte Menschen sondern für alle Personen, die in irgend einer Lebenslage Unterstützung benötigen (auch ohne IV-Rente) das sehen. Mir gefällt auch, dass sie die allgemeine Tendenz zur Verunglimpfung vom Wort "stationär" ablenken und vor allem das Bedürfnis bei der Unterstützung in den Vordergrund stellen. Wir werden uns natürlich auch in Richtung alternative Wohn- und Beschäftigungsformen entwickeln, aber genau in gewissen Settings ist das stationäre Element das Richtige. Ich werde Ihren Beitrag gerne unseren Gremien (Geschäftsleitung, Stiftungsrat) hinsichtlich unserem jährlichen Strategie-Review empfehlen. Beste Grüsse und viel Erfolg mit dem aus meiner Sicht nun perfekt aufgegleisten Fusionsprojekt ARTISET. Werner Brunner

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